Geschichte der Freien Wähler in Olching

 Weitgehend parteifrei: Im Estinger Gemeinderat spielten 1975 Parteimitglieder praktisch keine Rolle. Foto: Archiv

Die Schrittmacher

Die Olchinger Freien Wähler blicken auf eine lange – und stolze – Tradition zurück. Jahrzehntelang bestimmten sie in Olching die Geschicke der Gemeinde.
 

Vor der Gebietsreform 1978

Die bis heute umstrittene Gebietsreform legte die zuvor selbstständigen Gemeinden Olching, Esting und Geiselbullach/Graßlfing zu einer Großgemeinde zusammen. Dadurch gab es zunächst auch drei eigenständige Gruppierungen der Freien Wähler, in Vereinsform organisiert waren seit 1954 nur die Olchinger Freien Wähler.
Während Olching nach dem 2. Weltkrieg die SPD dominierte und sogar mit Matthias Duschl den Landrat stellte, waren die kleineren Gemeinden Hochburgen der Freien Wähler: In Esting besaßen Gemeinderäte wie der SPD-Ortsvorsitzende und spätere Republikaner Horst Gaiser Exotenstatus, in Geiselbullach gab es ausschließlich Gemeinderatsmitglieder ohne Parteibuch in der Tasche. Beliebt und angesehen waren die 1. Bürgermeister Toni März aus Esting und Sepp Drey aus Geiselbullach/Graßlfing. Beide übten ihr Amt als ehrenamtliche 1. Bürgermeister nur für einen kleinen Ehrensold aus und waren bodenständige und bürgernahe Landwirte. Überliefert und typisch ist der Ausspruch von Sepp Drey gegenüber einem seiner Verwaltungsbeamten: „Da ist ein Bürger und der hat ein Problem. Ich will, dass ihm gholfen wird. Find a Lösung. Wia, is dei Sach, Du host ja die Gsetze glernt.“
 

Rückschlag durch Uneinigkeit

Anlässlich der Gebietsreform gründeten die Geiselbullach-Graßlfinger die Freien Wähler Einigkeit Geiselbulach/Graßlfing (FWEG) als eingetragenen Verein, die Estinger scharten sich um Toni März. Zur Bürgermeisterwahl 1978 schickten die FW Olching und die FWEG den Neuzugang und bei der Nominierung der CSU zum Bürgermeisterkandidaten unterlegenen Busunternehmer Klaus Ziller ins Rennen. Der amtierende 1. Bürgermeister der Gemeinde Esting, Toni März, trat ebenfalls an. Die SPD nominierte den Verwaltungsmann Josef Spielmann, die CSU den Schulrektor Manfred Krug, für die FDP kandidierte deren damaliger Kreisvorsitzende, Bundestags- und Landtagskandidat Ewald Zachmann. Während Ziller ähnlich chancenlos blieb wie Zachmann, verpasste Toni März die Stichwahl nur um wenige Dutzend Stimmen. In der Stichwahl siegte Manfred Krug. Um möglichst alle Ortsteile zu repräsentieren, wählte der 24-köpfige Gemeinderat Toni März zum 2., Sepp Drey zum 3. Bürgermeister. In der ersten Legislaturperiode arbeiteten vor allem CSU und Freie Wähler Hand in Hand.
Nach dem Bruch der sozialliberalen Regierungskoalition in Bonn wechselte Ewald Zachmann zu den Freien Wählern. Damit stellten die Freien Wähler acht der 24 Gemeinderäte.
 

Sieg nach erbitterter Schlammschlacht

Die Bürgermeisterwahlen 1984 wurden nicht mit Samthandschuhen geführt. Die CSU griff den gemeinsam von allen drei Gruppierungen der Freien Wähler nominierten Rechtsanwalt Ewald Zachmann wegen eines angeblichen „Schwarzbaus“ massiv an, Zachmann wehrte sich unter anderem mit Zeitungsanzeigen, in denen er seine Argumente darlegte. Hauptthemen des Wahlkampfes war die Verkehrsplanung und die Ortsentwicklung; die Vorstellungen der Olchinger CSU-Mehrheit wurden von großen Teilen der Estinger CSU offen bekämpft, die sich unter anderem gegen die Bebauung an der Ringstraße wehrten. Im ersten Wahlgang lag der Amtsinhaber Krug noch knapp vorne, konnte trotz Amtsbonus aber nur rund jede dritte abgegebene Stimme auf sich vereinigen. Knapp dahinter folgten Ewald Zachmann und mit einem Abstand von wenigen 100 Stimmen der SPD-Kandidat Siegfried Waibel.
In der Stichwahl setzte sich Ewald Zachmann mit 63 Prozent der Stimmen klar durch, 2. Bürgermeister wurde Siegfried Waibel, 3. Bürgermeister der Estinger Toni März. Die beiden ehemaligen Bürgermeister Drey und März hatten sich vehement für Zachmann ins Zeug gelegt. Trotz des Wahlerfolgs bei der Bürgermeisterwahl – zwei Wermutstropfen blieben: Die Estinger Freien verloren einen von drei Gemeinderatssitzen, die FWEG einen der bisher zwei Gemeinderatsmandate.
 

1990 – das Wende-Jahr

Kurz vor der Kommunalwahl 1990 schlossen sich die Freien Wähler Esting mit den FW Olching zusammen. Die fusionierte Gruppierung stellte eine gemeinsame Gemeinderatsliste auf. Aufgrund des Bevölkerungswachstums waren nicht mehr 24 sondern 30 Sitze in diesem Gremium zu besetzen. Im Reißverschluss-Verfahren stellten die Estinger jede(n) dritte(n) Bewerber(in). Vorangegangen war der gesundheitsbedingte Rückzug des Estinger Aushängeschildes, Toni März. März machten immer mehr seine schweren Verletzungen zu schaffen, die er bei Stalingrad erlitten hatte. Die FWEG traten erneut an und verbesserten sich deutlich: Sie erhielten zwei Gemeinderatsmandate. Die FWO wurde mit elf Mandaten erstmals stärkste Gemeinderatsfraktion, darunter der rund zwei Jahre zuvor nach bitteren internen Querelen zur FWO gewechselte Siegfried Waibel.
Bei der Listenaufstellung bemühten sich die FWO um eine Gleichberechtigung der Geschlechter und platzierten – keineswegs zur Freude aller „altgedienten“ Gemeinderäte – bewusst Neueinsteigerinnen auf einige der vordersten Listenplätze. Im Wahlprogramm stand unter anderem die Einführung einer Frauenreferentin und eine wesentliche Erhöhung der Kindergarten- und Hortplätze.
Ein wichtiges Wahlkampfthema war bei dieser Wahl die drohende Salzschlacken-Aufbereitungsanlage (SASAG).
Mit über 70 Prozent der Stimmen hielt der von beiden FW-Gruppierungen unterstützte amtierende Bürgermeister Ewald Zachmann den SPD-Kandidaten Karl Wacker und CSU-Newcomer Herbert Roiser auf Abstand. Mit Robert Bauer gab es auch noch einen FDP-Kandidaten.
Der neue Gemeinderat wählte Siegfried Waibel zum 2. Bürgermeister, Renate Grill (CSU) zur 3. Bürgermeisterin.
 

Siggi ersetzt Ewald

Das kommunale Kulturzentrum KOM ist ein denkmalgeschütztes Haus, das nach dem Willen der CSU abgerissen werden sollte. Es sollte als Vereinsheim am selben Ort neu gebaut werden. Gegen den erbitterten Widerstand mehrerer Fraktionen gelang es den Freien Wählern, das KOM als Kulturwerkstatt bzw. Kulturhaus durchzusetzen.
Im Jahr 1996 kandidierte Ewald Zachmann als Landrat, sein bisheriger Stellvertreter, Siegfried Waibel, als Bürgermeister. Waibel setzte sich als Kandidat beider FW-Gruppierungen in der Stichwahl mit über 66 Prozent der Stimmen klar gegen Renate Grill (CSU) durch. SPD-Kandidat Franz Huber kam mit 18 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang nicht in die Stichwahl.
Zachmann scheiterte zwar als Landratskandidat trotz eines überragenden Ergebnisses in Olching. Er wurde anschließend zwei Legislaturperioden lang Stellvertreter des neugewählten Landrats Thomas Karmasin (CSU). Die Olchinger Gemeinderätin Heike Lotterschmid kam in den Bezirkstag. Der Gemeinderat wählte sie zur 2. Bürgermeisterin. Zum 3. Bürgermeister wählte der Gemeinderat Karl Wacker.
Erneut wurde die FWO stärkste Gemeinderatsfraktion. Die Freien Wähler setzten weiterhin vor allem in der Sozialpolitik deutliche Akzente; beispielsweise ging die frühzeitige Schaffung von Kindergrippenplätzen auf FW-Initiativen zurück. Gegen heftigen Widerstand vor allem aus der CSU setzte die FW das gerne als „Millionengrab“ geschmähte, heute allgemein anerkannte und stark besuchte Kulturzentrum am Mühlbach durch.
Politischer Schwerpunkt der FWO war spätestens seit 1990 die Sozialpolitik. Sie stand für eine Politik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Daher war die frühzeitige Versorgung mit Kinderbetreuungseinrichtungen, wie dem ersten Kinderhaus in Esting längst Programm – viele Jahre, bevor auch die CSU auf diese Linie einschwang. Das Sozialzentrum, eigentlich ein Mehrgenerationenhaus für Krippen und Kindergartenkinder bis zu Seniorentreffs, ging ebenfalls auf die Freien Wähler zurück.
Seit 1990 zeichnete die FWO eine damals einzigartige Frauenpolitik aus, was zur höchsten Anzahl von Gemeindrätinnen im Olchinger Gemeinderat führte: Bereits bei der Listenaufstellung wurde der „Reißverschluss“ nicht nur nach Ortsteilen sondern auch nach Männern und Fraueneingeführt. Die Schaffung des offenen Frauentreffs OFT, von bezahlbarem Wohnraum auch über das Einheimischenmodell im Schwaigfeld gingen auf die FWO zurück.
In der Verkehrspolitik wehrt sich die FWO seit 30 Jahren erfolgreich gegen die Süwestumfahrung Olchings. Die FW GEO setzte sich dagegen stets mehrheitlich für diese Umgehungsstraße ein.
 

Freie Wähler erneut stärkste Kraft

Zur Jahrtausendwende spaltete sich ein Teil der FWO-Gemeinderatsfraktion ab. Kulturreferent Eugen Sollinger, Finanzreferent Gottfried Schwarzmann und der ehemalige FW-Bezirksvorsitzende Josef Feichtmeier wechselten zur FWEG, die auf deren Initiative hin in FW GEO umbenannt wurde.
Zur Bürgermeisterwahl 2002 trat für die FWO erneut der Amtsinhaber an, Siegfried Waibel. Erstmals seit 1978 gab es einen Gegenkandidaten aus den Reihen der Freien Wähler – für die FW GEO stieg Eugen Sollinger in den Ring. In der Stichwahl setzte sich Siegfried Waibel gegen Karl Wacker, zwischenzeitlich CSU-Mitglied, durch. Eugen Sollinger kam auf den dritten Platz, abgeschlagen folgtem der SPD-Bewerber Andreas Magg und Dr. Ingrid Jaschke (Grüne). Wie in der Legislaturperiode zuvor erhielten die Freien Wähler (FWO und FW GEO) rund 40 Prozent der Stimmen bei der Gemeinderatswahl und wurden zum dritten Mal in Folge stärkste Kraft im Olchinger Gemeinderat.
Heike Lotterschmid und Ewald Zachmann zogen wieder in den Kreistag ein. Der neue Gemeinderat wählte Franz Huber (SPD) zum 2. Bürgermeister, Heike Lotterschmid zur 3. Bürgermeisterin.
Vier Jahre später musste Siegfried Waibel aus gesundheitlichen Gründen sein Amt niederlegen. Für die FWO trat der Fraktionsvorsitzende und Stellvertretende Landrat Ewald Zachmann an.
Bei der FW GEO gab es zunächst zwei Bewerber, der 1. Vorsitzende und Gemeinderat Helmut Dellinger und der 2. Vorsitzende Peter Knoll. In der Mitgliederversammlung vom 12.07.2006 setzte sich Peter Knoll mit 32 : 9 Stimmen durch. Tage danach trat der unterlegene Kandidat von seinem Vorstandsamt zurück und wechselte mit einigen seiner Anhänger, darunter den Gemeinderäten Sebastian Riedl und Josef Neumaier, zur CSU. Eine Mitgliederversammlung beschloss, in dieser Situation keinen Bürgermeisterkandidaten zu stellen.
Am 22.10.2006 siegte der SPD-Kandidat Franz Huber in der Stichwahl gegen den CSU-Bewerber Karl Schwojer.
 

Freie Wähler im Bayerischen Landtag, Neustart in Olching

Im März 2008 mussten die Freien Wähler in Olching bei den Kommunalwahlen schwere Verluste hinnehmen. Sie stellen seither gemeinsam nur noch sieben Mandatsträger(innen). FWO und FW GEO stellten mit Bernd Nickel und Peter Knoll jeweils eigene Bürgermeisterkandidaten auf ­– beide kamen nicht in die Stichwahl. Gewählt wurde Andreas Magg (SPD) zum Nachfolger des im Dezember 2007 überraschend gestorbenen, beliebten 1. Bürgermeisters Franz Huber. Wenig zufriedenstellend verlief auch die Kreistagswahl, bei der als einziger Olchinger Freier Wähler nur noch Ewald Zachmann genügend Stimmen für ein Mandat erhielt.
Die Landtagswahlen 2008 verliefen dagegen umso erfolgreicher: Nach zwei vergeblichen Anläufen erhielten die Freien Wähler bayernweit über zehn Prozent der Stimmen und wurden damit zur drittstärksten Kraft im bayerischen Landtag.
Dieses Ergebnis nahmen die beiden freien Wählergruppierungen in Olching zum Anlass, in jahrelangen Sondierungsgesprächen eine gemeinsame Linie zu finden.
Im Mai 2012 war es dann soweit: Die beiden FW-Gruppierungen fusionierten; die Mitgliederversammlung wählte im September einen Vorstand, in dem entsprechend der ehemaligen Mitgliederzahl beide Gruppierungen angemessen berücksichtigt sind. Erklärtes Ziel ist es, wieder zur stärksten politischen Kraft in Olching zu werden. Lösungsorientierte Sachpolitik soll das Markenzeichen der Freien Wähler bleiben. Kernziele sind die deutliche Verbesserung der Schulsituation in Olching durch eine eigene Realschule, eine nachhaltige Wirtschafts- und Finanzpolitik und die bessere Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger.

Peter Knoll